IBM i und der demografische Wandel

Basler Fashion baut auf IBM i als zentrale Plattform für das Kernsystem, die Warenwirtschaft. Die Server-Hardware selbst wurde erst jüngst auf die aktuellen Power7-Modelle aufgerüstet. Dann wurde gemeinsam mit PKS die Erneuerung des eigenentwickelten Warenwirtschaftssystems selbst in Angriff genommen, denn das muss fortlaufend an die neuen Anforderungen aus den Fach­bereichen angepasst werden.

Parallel dazu wird der Generationswechsel im Entwicklerteam eingeleitet. „Dabei müssen die neuen Entwickler in die Lage versetzt werden, die bisherigen Codebausteine zu verstehen und künftig sinnvoll im Rahmen der Gesamt­architektur der Software weiterzuentwickeln“, weiß IT-Leiter Marco Breier. „Hierfür setzten wir durchgängig eine moderne Entwicklungsumgebung – RDi und PAAS – auf Basis des bekannten Eclipse-Frameworks ein.“

Breiers Nachwuchskräfte nehmen bereits seit Oktober an einem einjährigen Ausbildungs­programm für Entwickler auf IBM i teil. Das Programm I-cademy ist ein Mix aus klassischen Präsenztrainings mit Onlinemodulen.

„Generell kann man sagen, dass wir unseren IT-Kern fortlaufend und nachhaltig auf den ak­tuellen Stand der Technik bringen und gleich­zeitig die fachlichen Anforderungen aus unseren Fachabteilungen implementieren“, skizziert Breier das Vorgehen. Hier arbeitet er bezüglich Technologieauswahl, Knowhow-Transfer sowie effizienter Projektdurchführung mit der PKS Software GmbH aus Ravensburg zusammen. „Unser kleines Entwicklungsteam wird von den PKS-Experten begleitet und personell verstärkt“, so Breier. „Es kann sich daher auf die Anforderungen aus den Fachbereichen fokussieren.“ Gemeinsam mit PKS-Geschäftsführerin Heidi Schmidt stellte sich Breier den Fragen von DV-Dialog zu den Folgen des demografischen Wandels für die IBM-i-Anwender.


Frau Schmidt, der demografische Wandel ist auch in den IT-Abteilungen zu spüren. Wie wirkt er sich speziell im Umfeld der Plattform IBM i aus?
Heidi Schmidt:
Bei nahezu allen mittelständischen Unternehmen zeigt sich in diesen Tagen sehr klar, wer seine Hausaufgaben in Sachen Personalentwicklung und Personalaufbau in den letzten Jahren gemacht hat. Leider ist es für IT-Leiter im Mittelstand häufig nicht einfach, Budget für die Aus- und Weiterbildung der IT-Mitarbeiter bei der Geschäftsführung zu erhalten – insbesondere, wenn hier jahrelang keine Gelder eingeplant waren. Doch nur mit qualifizierten, motivierten und belast­baren Teams wird sich ein Unternehmen im Markt behaupten können.

Die erfolgreiche Gestaltung des demogra­fischen Wandels in den IT-Abteilungen wird aufgrund der weiter steigenden Bedeutung einer schlanken, effizienten und individuellen Prozess­unterstützung also zum Schlüssel des unternehmerischen Erfolgs werden. Bei IBM-i-Anwendern kommt erschwerend hinzu, dass jene Mitarbeiter, die die Anwendungen in den letzten zehn bis zwanzig Jahren implementiert haben, in Kürze verrentet werden.

Was werden hier in den nächsten Jahren die wichtigsten Konsequenzen sein, die IT-Leiter in ihre Planungen einfließen lassen sollten?
Schmidt:
Aus meiner Sicht sind das drei we­sentliche Aspekte:
Erstens: Ausbildung und Weiterbildung der IT-Mannschaft gehören in die strategische sowie in die operative jährliche Planung und Umsetzung eingearbeitet.
Zweitens: Die vorhandene System- und Anwen­dungslandschaft auf Basis von IBM i muss von Altlasten und historisch gewachsenen Strukturen bereinigt werden. Eine Kultur der Werterhaltung und nachhaltigen Betreuung und Weiterentwicklung muss etabliert werden.
Drittens: Es sollte in Betracht gezogen werden, das interne IT-Team von „Standardaufgaben“ zu entlasten, wie z.B. durch kostengünstige ­Hosting-Konzepte vom Betrieb der Power-Hardware. Das schafft Luft im Team, dessen wertvollen Kenntnisse über die Unternehmensprozesse danach gezielt für Prozess- und Anwendungs­innovationen genutzt werden können.

Die IBM-i-Kunden haben dabei noch Glück im Unglück, da sie mit der Plattform arbeiten, auf der man mit minimaler Manpower maximal viel IT professionell betreiben kann...
Schmidt:
Ja, das stimmt! Wenn wir heute sehen, dass in Unternehmen mit mehreren hundert Anwendern teilweise mit drei bis fünf IT-Mitarbeitern der komplette Betrieb, Anwendungs­entwicklung und Enduser-Support geleistet wird, dann ist das enorm. Gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels ist die Power mit ihren niedrigen Wartungsaufwänden die optimale Plattform.

 

IBM hat vor einem Jahr mit Power8 und IBM i 7.2 die nächste Servergeneration vorgestellt. Wo sehen Sie hier die größten Verbesserungen – für einen reibungslosen IT-Betrieb, die Bereitstellung neuer Anwendungssysteme und die weitere Verbesserung der Wirtschaftlichkeit der IT?
Schmidt:
Mit Power8 liefert IBM eine wahn­sinnige Performance-Steigerung zu den Vorgängermodellen; auch das Open-Power-Konsortium spiegelt die Öffnung dieser vormals proprietären Plattform wieder. Das neue Betriebssystem-Release IBM i 7.2 punktet mit zahlreichen neuen Features und bewies erneut, wie modern,
zu­kunftssicher und innovativ dieses hoch­integrierte Betriebssystem ist.
Power8 und IBM i stellen eine einzigartige „Appliance“ dar, mit der eine hochverfügbare und kostengünstige Plattform für Entwicklung und Betrieb von individuellen, maßgeschneiderten Anwendungen ohne viel Manpower möglich ist. Diese Individualität zum unschlagbar günstigen Preis brauchen Unternehmer, die sich vom Mitbewerb durch pfiffige Prozesse und schlanke Abläufe absetzen wollen.

Was ist zu tun, damit auch die bewährten Anwendungen diese Verbesserungen nutzen können?
Schmidt:
Die Abwärtskompatibilität von RPG- und Cobol-Anwendungen auf IBM i hat leider häufig dazu geführt, dass beim Umstieg auf neue Hardware und Betriebssystemreleases die Programmcodes selbst nicht verändert bzw. bereinigt und verbessert wurden.

Damit einher geht, dass auch keine fachliche und technische Weiterentwicklung des Kenntnisstandes der Programmierer und Software-Architekten notwendig ist – und auch heute noch neue Anwendungen häufig im Stil von RPG III entstehen. Daher ist für viele Kunden jetzt die Zeit gekommen, die bewährten Anwendungen gründlich zu analysieren, deren Wartbarkeit, Erweiterbarkeit und Zukunftsfähigkeit zu überprüfen und konkrete Maßnahmen in die Wege zu leiten, um die Schulden der vergangenen Jahre abzutragen.

Gleichzeitig muss das Softwareteam ermächtigt werden, zukünftig state-of-the-art auf IBM i zu entwickeln – mit zeitgemäßen Werkzeugen, in modularen Architekturen und zukunftssicheren, leistungsstarken Technologien.

Die vorhandenen Anwendungen sind oft mehr als zehn Jahre alt. Teilweise stammen sie sogar noch aus einer Zeit, als das Internet noch nicht erfunden war. Wie lassen sich diese Anwendungen funktional und technisch modernisieren, ohne dass dies zu teuer und zu kompliziert wird?
Schmidt:
Nicht jede Anwendung, die über zehn Jahre alt ist, kann mit vertretbarem Aufwand modernisiert werden. Um jedoch die Möglichkeiten auf den Tisch legen zu können und auch Kosten und Aufwände zu bewerten, ist eine umfassende Analyse des IST-Zustands erforderlich.

Ich nutze gerne die Analogie zum Hausbau: Wenn Sie heute eine schöne Altstadt-Villa renovieren wollen, holen Sie sich ja auch Experten, die die Bausubstanz untersuchen und Ihnen einen gangbaren Weg für die nachhaltige Sanierung vorschlagen. Der Vorteil hierbei ist, dass die „Lage“ des Hauses erhalten bleibt und im übertragenen Sinne für das Unternehmen die Lage im Markt gesichert bleiben kann, wenn eben nicht „auf der grünen Wiese“ in ein Reihenhaus „von der Stange“ gewechselt werden muss.

 

„Aber wie schon gesagt: jede Anwendung ist individuell – und wir sehen heute bei den Kunden auch Systeme, für die jede Rettung zu spät kommt. Da wurde einfach zu lange nichts gemacht. Aber wir sehen auch viele Anwen­dungen, bei denen es sich sehr wohl lohnt, 30 oder 50 Personentage zu investieren und das Fundament wieder auf solide Füße zu stellen."

Was zeichnet Anwendungen aus, die so attraktiv sind, dass sich auch junge Mitarbeiter darum kümmern und diese weiterentwickeln und pflegen wollen?
Marco Breier:
Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es jungen Mitarbeitern ermöglicht werden muss, in eine bewährte Anwendung „hineinzuwachsen“. Sie müssen diese begreifen und verstehen können und den Wert des Systems für das Unternehmen real erleben.

Das bedeutet auch, dass man als Entwicklungs­leiter darauf achten muss, wie die jungen Mit­arbeiter mit den erfahrenen alten Hasen im Team wertschätzend zusammenarbeiten. Nur dann wird die junge Generation das „Erbe der AS/400-Kinder“ antreten. Nur dann kann das Unternehmen die wertvolle Individualsoftware weiter nutzen.

 

Wie finden Sie als IT-Leiter junge Nachwuchskräfte für die Hege und Pflege des Power System i und seiner Anwendungen?
Breier:
Das ist in der Tat eine spannende Frage – und eine anspruchsvolle Aufgabe. Wir bei Basler Fashion haben uns dafür entschieden, unsere Nachwuchskräfte durch die Ausbildung zum Fachinformatiker selbst zu qualifizieren und an die Aufgabe heranzuführen.

Damit die jungen Leute schon früh produktiv mitarbeiten können, schicken wir sie im ersten Lehrjahr auf die I-cademy zur Grundausbildung. Das hat sich als sehr effizient erwiesen, sowohl was die fachliche als auch die persönliche Entwicklung betrifft. Denn das Konzept der I-cademy fördert nicht nur den Knowhow-Aufbau zu den relevanten Grundkonzeption und -Technologien, sondern ich habe dort auch ein pädagogisches Lehrkonzept im Hintergrund, das Softskill- und Projekt-Management-Aspekte mit einbezieht.

Und wie überzeugt der IT-Leiter dann geeignete Nachwuchskräfte, dass sie sich ausgerechnet für den „Oldtimer“ AS/400 engagieren? Statt RPG könnten Sie doch auch Java, C oder PHP erlernen – und sich damit später durch die viel breitere Nachfrage am Arbeitsmarkt auch bessere Berufschancen ausrechnen...
Schmidt:
Es geht nicht darum, RPG oder Java, Cobol oder .Net zu lernen. Für die besten Chancen am Arbeitsmarkt sollte ein Entwickler heute sowohl Knowhow in klassischen Technologien haben wie auch die Neuen beherrschen. Denn kaum ein Unternehmen startet heute auf der grünen Wiese. Und das Rad immer wieder neu zu erfinden ist meistens ein nicht bezahlbares Unterfangen.

 

Wie sieht der deutsche Arbeitsmarkt für AS/400-Experten aus? Der US-Konzern CSC beklagte ja erst im Februar einen Umsatzeinbruch, der auf fehlende RPG-Programmierer und daraus resultierende Projekt­verzögerungen zurückgeführt wurde...
Schmidt:
Experten für Power i werden gesucht wie die Nadel im Heuhaufen – in der Tat gibt es hier wesentlich mehr Bedarf an jungen, gut ausgebildeten Entwicklern als diese am Markt verfügbar sind. Die Situation in USA kann daher auch auf Deutschland übertragen werden.

Welche Rolle spielt die IBM als Hersteller der Plattform bei der Qualifikation von Experten für IBM i?
Schmidt:
Keine! Aber BMW bildet auch keine Autofahrer aus, oder? Im Ernst: ich finde, diese ständige und seit vielen Jahren permanent geführte Diskussion, dass die IBM für den Nachwuchs verantwortlich zu machen wäre, nicht zielgerichtet. Wir sollten nicht vom tatsächlichen Problem ablenken: man ist als Unterneh­mer schon auch selbst in der Verantwortung, seine Mitarbeiter auszubilden!

„Ich finde, die seit Jahren geführte Diskussion, IBM sei für den Nachwuchs verantwortlich, nicht zielgerichtet. Wir sollten nicht vom Problem ablenken: Der Unterneh­mer ist selbst in der Verantwortung, seine Mitarbeiter auszubilden!“

 

Fragen Sie einmal in den typischen IT-Abteilungen der IBM-i-Kundschaft nach, wie viele Tage pro Jahr Trainings besucht werden durften in den letzten fünf Jahren. Dann wird schnell klar, warum es heute nur noch wenige Trainings­anbieter gibt – Angebot und Nachfrage hängen auch hier zusammen.

Sie persönlich haben ja auch Kontakt zu solchen Nachwuchskräften – sowohl im eigenen Unternehmen als auch bei Kunden oder über die PKS I-cademy. Wie ist Ihr Eindruck von deren Motivation für diese doch spezielle Ausbildung?
Schmidt:
Die Motivation der Nachwuchskräfte ist sehr gut. In den bisherigen Kursen hat sich eindeutig gezeigt, dass die moderne Art der Wissensvermittlung das A und O ist, um junge Entwickler mit den Konzepten der IBM i vertraut zu machen und deren Leidenschaft für diese hervorragende Plattform zu wecken.

Sobald der Nachwuchs ausgebildet ist, wird er automatisch auch für andere Arbeitgeber attraktiv. Wie gelingt es, diese jungen Spezialisten langfristig an das Unternehmen zu binden?
Schmidt:
Junge Mitarbeiter erwarten heute attraktive Arbeitsplätze, Flexibili­tät bei Arbeits­zeitmodellen und gute Weiterentwicklungsmöglichkeiten. Außerdem spielt der Aspekt der „Sicherheit“ bei der sogenannten „Generation Y“ eine große Rolle. Hier kann man als Arbeitgeber doch eindeutig punkten, denn mit dem speziellen Knowhow im IBM-i-Umfeld hat man – vorausgesetzt, man entwickelt sich auch hier permanent fachlich und persönlich weiter – doch sehr gute Aussichten, an ganz zentraler und bedeutender Stelle die Kernanwendungen und -prozesse im Unternehmen mitzugestalten.

 

Sie engagieren sich ja auch stark bei Common Deutschland? Inwieweit können Usergroups bei der Nachwuchsproblematik und beim Thema Modernisierung helfen?
Schmidt:
Bei Common legen wir großen Wert auf die Vernetzung der IT-Leiter und -Teams untereinander. Daraus entstehen tolle gemein­same Ideen, wie z.B. die Azubi-Initiative, bei der wir jeweils bei einem Mitgliedsunternehmen einwöchige Grundkurse zu IBM i, RPG oder Java on i durchführen. Geteilte Sorgen sind halbe Sorgen. Gemeinsam finden Common-Mitgliedsfirmen oft sehr rasch zielführende Lösungen – auch für die Nachwuchsproblematik.

Frau Schmidt, Herr Breier: vielen Dank für das Interview!

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